Ceres Award 2020 – Die Wahl zum Landwirt des Jahres

Der Ceres Award wird an besondere Betriebe in zehn verschiedenen Kategorien verliehen und ist eine ganz besondere Auszeichnung für außergewöhnliche Leistungen der Landwirte und Landwirtinnen in Deutschland.

Wir freuen uns, dass in diesem Jahr zwei Mitglieder unseres Verbandes und insbesondere zwei Vorzugsmilcherzeuger bereits zum „Landwirt des Jahres 2020“ bzw. „Landwirtin des Jahres 2020“ nominiert wurden:
Jan-Hendrik Langeloh aus Hamburg hat es in der Kategorie „Rinderhalter“ unter die besten drei Bewerber geschafft und Anja Frey aus Oberrot sicherte sich in der Kategorie „Biolandwirt“ einen Platz. Ganz gleich welcher Betrieb am Ende die Auszeichnung gewinnt, eine ganz besondere Anerkennung ist das bisher erreichte ohnehin.
Welch Freude, dass dieses Engagement nun so wunderbar gewürdigt wird – als Lohn und Dank für eine besondere Zeit!
Wir wünschen Euch viel Erfolg, Glück und Gesundheit für Eure Familien und den Schwung und die Ausdauer, so weiter zu machen wie bisher und drücken Euch weiterhin die Daumen bis zur Preisverleihung des Ceres Award 2020 am 28.10.2020 für die Wahl zum Landwirt des Jahres/ zur Landwirtin des Jahres 2020.

Update 28.10.2020: Die Verleihung des Ceres Award wurde für dieses Jahr abgesagt und wird voraussichtlich im März 2021 nachgeholt werden.

Update:

Die Verleihung des Ceres Award 2020 wurde auf März 2021 verschoben und mit Spannung erwarteten alle Teilnehmer nach langer Zeit die Entscheidung der Jury. Zwei unserer Mitgliedsbetriebe qualifizierten sich in den Kategorien Biolandwirt und Rinderhalter und schafften es unter die letzten drei ihrer Kategorie. Am 24. März fand dann im Rahmen der „Nacht der Landwirtschaft“ die Preisverleihung in einem ganz anderen Format statt – diesmal online und per Video-Zuschalte aller Finalisten.

Zum Landwirt des Jahres wurde in 2020 Felix Hoffahrt aus Lohra aus der Kategorie Rinderhalter gewählt.

Nichts desto Trotz ist die Platzierung unserer beiden Betriebe eine herausragende Auszeichnung und Anerkennung ihrer Arbeit. Wir gratulieren recht herzlich und wünschen Euch alle Gute für die Zukunft.

Hofportrait Kück. Milchhof Kück in Langenhausen.

Kück’s Milch & mehr

Der Betrieb von Bernd und Ute Kück befindet sich in Langenhausen, gelegen am nördlichen Ende der Teufelsmoorregion im Elbe-Weser-Dreieck; also in der typischen Grünlandregion Norddeutschlands. 1950 übernahm der Großvater den Hof und baute ihn beständig zu einem Milchviehbetrieb aus. Vater Hans Kück liebäugelte aber mit einem weiteren Standbein, als nur die Milch bei der Molkerei abzuliefern. Als Bernd Kück in den Betrieb einstieg, suchte die Familie nach einem zusätzlichen Einkommen und so wagte Familie Kück 1992 den Start der Direktvermarktung. Dabei wurde von Beginn an der Schwerpunkt auf die Vermarktung an Tageseinrichtungen gelegt. Mit der kurzzeitigen Erteilung des Molkereistatus begann im darauffolgenden Sommer die Auslieferung von damals noch Vorzugsmilch an die ersten zwölf Tagesstätten.

1996 wurde der erste Pasteur angeschafft. Fälle von EHEC-Infektionen in Süddeutschland, deren Ursprung zunächst nicht eindeutig war, sorgten für einen nachhaltigen Rückgang der Vorzugsmilchproduktion. Tagesstätten durften fortan nur noch mit pasteurisierter Milch beliefert werden. Auch nachdem sich herausstellte, dass die damalige Infektionskette nichts mit dem Verzehr von Rohmilch zu tun hatte – die Kunden verlangten von nun an vermehrt pasteurisierte Milch. „Der Einstieg in die Pasteurisierung war für uns ein ‚Aha-Erlebnis‘“, so Bernd Kück. Plötzlich standen der Milchverarbeitung neue Wege offen und Kücks erweiterten nach und nach ihr Sortiment um Kakao und Trinkjoghurt, verschiedene Sorten von Joghurt, „Burenmelk“ (ein Sauermilchprodukt) und starteten in 2013 sogar mit der Produktion von Quark.

Der Milchhof Kück wird seit 2007 als GbR geführt und trägt damit der wachsenden Nachfrage nach regionalen und ursprünglichen Milchprodukten Rechnung. Aus einem kleinen Kundenkreis, der sich auf die Gemeinde Gnarrenburg anfangs beschränkte, sind mittlerweile fast 1000 Privatkunden geworden. Kindertagesstätten und Schulen, die sich im Rahmen des Schulmilchprogrammes beliefern lassen, machen mit fast 300 Einrichtungen den größten Abnehmer für Milch aus. Dazu kommen eine Handvoll Einzelhandelsunternehmen und sogar zwei Eisdielen in Bremervörde. Dass die einstige Molkerei unter dem reetgedeckten Bauernhaus da aus allen Nähten platzen würde war irgendwann auch absehbar. Der Kuhstall war über die Jahre schon erweitert und ausgebaut worden für 120 Kühe. Nun fasste Bernd Kück den Entschluss noch mal in die Meierei zu investieren. Aber nicht nur das. Der Kontakt mit den Kindergärten war für Familie Kück damals schon der Einstieg in die Öffentlichkeitsarbeit. Regelmäßig besuchten nun Kindergärten „ihren Milchmann“, um zu schauen, woher denn ihre Milch kommt. Bei rund 30 Besuchen pro Jahr ein nicht ganz unerheblicher Zeitaufwand, den es sich freizuschaufeln galt.

  Die neu errichtete Molkerei mit Kühlraum

In Zusammenarbeit mit dem örtlichen Landvolkverband Bremervörde und einem kleinen Kreis von Unterstützern wurde der Plan gefasst, mit einem Bauernhofklassenzimmer allen Interessierten einen Einblick in die Molkerei zu geben und die Landwirtschaft auf dem Hof Kück kennenzulernen. Ein Scheunengebäude wurde dafür komplett umgebaut und beherbergt seit 2011 nicht nur die neue Molkerei und den angrenzenden Kühlraum, sondern auch ein richtiges Klassenzimmer für alle kleinen und großen Gäste des Hofes. Das Klassenzimmer wird nun vom Verein „BAUER e.V. – Förderverein landwirtschaftliche Umweltbildung e.V.“ gepachtet. Der Verein ist seit Beginn Mitglied im Projekt „Transparenz schaffen – Von der Ladentheke bis zum Erzeuger“, das von der EU und dem Land Niedersachsen gefördert wird. Drei Mitarbeiterinnen betreuen mittlerweile an die 90 Hofbesuche pro Jahr, überwiegend Kindergärten und Schulen nutzen das pädagogische Angebot des Vereines einen traditionellen und doch besonderen Milchviehbetrieb mit Molkerei zu erkunden. Aber auch diverse Gruppen, Vereine, Abordnungen usw. machen sich bei Kück in Langenhausen über die regionale Milcherzeugung schlau.

  Blick vom Klassenzimmer in die Molkerei

„Der direkte Kontakt zu unseren Kunden war uns schon immer ein ganz wichtiges Anliegen. Auch aus diesem Grund haben wir immer viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Das Bauernhofklassenzimmer ist jetzt sozusagen das i-Tüpfelchen; wir können wetterunabhängig das ganze Jahr über unsere Gäste empfangen.“, erklärt Bernd Kück. Darüber hinaus ist Familie Kück mit einem mobilen Melkhus auf vielen öffentlichen Veranstaltungen in der Region anzutreffen, wie z.B. der Tarmstedter Ausstellung oder der Messe HanseLife in Bremen und verwöhnen die Kundschaft mit leckeren Milchspezialitäten.

Bernd Kück ist froh, dass er sich nach vielen Jahren des Umbaus und der Weiterentwicklung des Betriebes ein wenig mehr auf Molkerei und Verkauf konzentrieren kann, denn im Jahr 2015 stieß sein Bruder Thorsten dazu. Der kümmert sich nun mit einem Mitarbeiter in erster Linie um Stall und Kühe. Auch wenn mittlerweile bei Kück zwei Melkroboter das zeitaufwändige Melken erledigen, so nehmen Herdenmanagement, Stall-, Hof- und Feldarbeiten heute mehr Zeit in Anspruch. Auch der Vermarktung der Milch will Rechnung getragen werden und in den neu gestalteten Büroräumen arbeiten mittlerweile jeweils eine Vollzeit- und Teilzeitkraft, wobei auch Bernds älteste Tochter Marina seit dem Jahr 2018 dabei ist. Sie steuert Vermarktung und Qualitätssicherung. Unterdessen sorgen heute rund 20 Mitarbeiter in der Produktion und Auslieferung für einen reibungslosen Ablauf des Ganzen. Nicht zu vergessen, dass doch irgendwie alle Familienmitglieder eingespannt sind: Bernds Frau Ute bereitet die Kulturen in der Molkerei wieder zu, wenn die Angestellten längst Feierabend gemacht haben und Vater Hans lässt es sich nicht nehmen, die Lieferfahrzeuge zu packen und zu entladen. Auch Marina’s Schwester Verena hilft nach ihrem Job beim Steuerberater im Büro aus.

  Marina Kück überwacht die Produktion in der Molkerei

Kücks‘ vermarkten nach wie vor einen kleineren Anteil ihrer Milch als Vorzugsmilch; 500 kg pro Woche werden als hochwertige Rohmilch ausgeliefert. Dabei werden natürlich die höchsten Hygieneanforderungen an dieses einmalige Frischeprodukt berücksichtigt. Vorzugsmilch unterliegt in Deutschland den strengen Auflagen der Tierischen Lebensmittel-Hygiene-Verordnung (Tier-LMHV). Sie betreffen dabei den Tierbestand und den Erzeugerbetrieb ebenso sowie die Gewinnungshygiene und die Beschaffenheit des Produktes. „Als Vorzugsmilcherzeuger muss man absolut und mit 100% hinter diesem Produkt stehen. Die Auflagen sind enorm und straff; das betrifft die Eigenkontrollen und die durch das Veterinäramt.“, erklärt Bernd Kück. Viele Betriebe, die einst mit Vorzugsmilch gestartet sind haben auf (pasteurisierte) Vollmilch umgestellt. Ein wenig erfüllt es ihn mit Stolz, dass sie mit der Vorzugsmilch so gut bei den Kunden ankommen. Das erfordert natürlich einen hohen Einsatz und gelingt letztlich mit dem optimalen Lieferservice.

Nun, mit dem bisher erfolgreichen Konzept wollen Kücks‘ zukünftig ihre Vermarktung in der Region intensivieren; versuchen, kleinere und mittlere Läden, Gastronomen und Hotels für ihre Produkte zu begeistern. Bernd Kück: „Wir wünschen uns, dass auch in Zukunft die Rahmenbedingungen für unsere Produktion erfüllbar bleiben. Dass wir hier ein Betrieb sind, der noch handwerklich arbeitet. Wir sind eine Hofmolkerei und nicht die DMK (Anmerkung: Deutsches Milchkontor, Molkerei), warum müssen wir uns damit vergleichen lassen? Unser Kundenbezug ist sehr gut und die Kontakte, insbesondere zu den Tagesstätten werden gepflegt; ohne dem funktioniert die Vermarktung ja auch nicht. Und genau da sind wir zu Haus!“

Kontakt Kück

Milchhof Kück

Kück’s Milch und mehr

Langenhausen 24

27442 Gnarrenburg

Telefon: 04763/ 7340

Email: info@kuecks-milch.de

 

Kontakt Bauernhofklassenzimmer

BAUernhof ERlebniswelt (BAUER)

Förderverein landwirtschaftliche Umweltbildung e.V.

Albrecht-Thaer-Straße 6

27432 Bremervörde

Telefon: 04761/ 99 22-04

Email: info@bauernhof-klassenzimmer.de

Vorzugsmilch vom Völkleswaldhof Slow Food „Marktheld 2019“

Ausgezeichneter Auftritt des BMV-Mitgliederbetriebs Völkleswaldhof auf der Slow Food Messe 2019! Mit dem Titel „Marktheld 2019“ zeichnet die Vereinigung, die sich für „gute, saubere und faire“ Lebensmittelerzeugung einsetzt, den Demeter-Betrieb aus.

Anja und Pius Frey bewirtschaften den Hof im Naturpark Schwäbisch-fränkischer Wald als Pächter. Sie sind einer der wenigen Vorzugsmilchbetriebe bundesweit, setzen auf regionale Verbundenheit in Bio-Qualität und wesensgemäßen Umgang mit ihren Tieren. Die Familie Frey und ihre MitarbeiterInnen pflegen den intensiven Austausch mit den Kunden und praktizieren – ebenso wie die beiden Demeter-Höfe „Stolze Kuh“ in Brandenburg und „Hofgut Rengoldshausen“ am Bodensee muttergebundene Kälberaufzucht.

Jahrelang organisierten der BMV und Slow Food bereits gemeinsam Milchverkostungen, um engagierte, kritische Verbraucher die geschmacklichen Unterschiede zwischen naturbelassener und industriell verarbeiteter Milch nahe zu bringen. Beispiele sind unter anderem Milchverkostungen im Rahmenprogramm der Slow Food Messen und eine in dieser Form bis heute einzigartige Querverkostung von Vorzugsmilch (gemeinsam mit Geschmackstage Deutschland e.V., s. link)

Wie gut solche Aktionen beim Publikum ankommen, hat Anja Frey auf der Slow Food Messe 2019 erneut erlebt: „Es gab viele Kundengespräche und nette Milchverkostungen. Besonders beliebt ist ja unsere Aktion: Wer schmeckt den Unterschied zwischen Vorzugsmilch, past. Milch, ESL-Milch und H-Milch.“ Geschmacksbildung ist eben auch immer Geschmacksprägung! Und Milch, das konstatierte Slow Food Vorsitzende Dr. Ursula Hudson bereits 2014, ist „viel mehr als nur das Schäumchen auf dem Cappucchino“.

Guter Geschmack, Austausch und Transparenz sind zentrale Säulen in der handwerklichen Lebensmittelerzeugung. Doch in Bezug auf die unverhältnismäßg starke Betonung der Risiken beim Verzehr von Rohmilchprodukten, kommt der wissenschaftlichen Analyse und Einordnung in das Verhältnis von gesundheitlichen Vorteilen und Risiken eine zentrale Bedeutung zu. Rohmilch-Experte Prof. Dr. Ton Baars, der mit Milk & Health eine eigene Website zum Thema betreibt, steht in regelmäßigem Austausch mit den engagierten Rohmilch-Bauern und baut an diesem beispielhaften Bio-Betrieb eine Brücke zwischen Wissenschaft und Verbrauchersouveränität.

Slow Food hat im Nachgang der diesjährigen Messe ein schönes Interview mit Anja Frey geführt. Hier ein Auszug, auf die Frage, warum sie muttergebundene Kälberaufzucht betreiben: (…) „Elternzeit für unsere Kühe“ – das bedeutet, dass alle unsere Milchkühe Mütter sein dürfen und ihre eigenen Kälber säugen und großziehen dürfen, Töchter und Söhne gleichermaßen. Wenn die Familien- und Stillzeit vorbei ist, kommen unsere weiblichen Kälber, nun Fresser genannt, in einen gleichaltrigen Herdenverband. In etwa drei Jahren werden sie zu stattlichen Milchkühen. (…)“ Das an dieser Stelle (link) auf der Slow Food Seite verlinkt ist.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Anja und Pius Frey, und weiterhin alles Gute für euch und eure Arbeit!

Das BMV-Hofporträt über den Völkleswaldhof können Sie hier lesen.

Hofporträt Stolze Kuh: Vom Cowgirl zur Ökobäuerin in Brandenburg

In einem kleinen Dorf nahe der polnischen Grenze, 1,5 Stunden nord-östlich von Berlin, befindet sich ein kleiner Hof mit großem Herz und unbedingtem Willen. Die Betreiber wollen nicht weniger als das Beste für das Land, ihre Tiere und für die Menschen, für die sie ihre Lebensmittel herstellen. Ihre Herde – so bunt wie ihr Konzept. Auf den Naturschutzflächen des Nationalparkvereins Unteres Odertals weiden 120 Rinder alter Zweinutzungsrassen, darunter auch die Bullen. Gemolken wird auf der Weide, und die Kälber trinken bei Ammen, im Winter wird nur Heu gefüttert.

Anders wirtschaften

Der Hof der jungen Landwirte ist aus vielen Gründen ein besonderer:
Anja und Janusz Hradetzky lernten sich im Rahmen ihres Studiums an der HNEE (Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde) kennen. Nach einer kleinen Odyssee und Explorationsphase starteten die beiden – frisch verheiratet – 2014 ohne Geld, ohne Land, und ohne Kühe in ein unternehmerisches Abenteuer ungewissen Ausgangs. Sie verkauften Kuhanteile an Unterstützer, um den Erwerb der Tiere zu finanzieren, und gehen auch sonst viele ungewöhnliche Wege in der ökologischen Landwirtschaft.
2018 wurde Anja Hradetzky als „Grüne Gründerin“ ausgezeichnet, 2019 erschien ihr Buch „Wie ich als Cowgirl die Welt bereiste und ohne Geld und Land zur Bio-Bäuerin wurde“ (DuMont Reise Verlag, 2019).
Wesensgemäße Viehhaltung auf Naturschutzflächen, handwerkliche Milchverarbeitung und Direktvermarktung zeichnen den ökologischen Ausnahme-Betrieb aus.

Die Stolzen Kühe der Öko-Landwirte Anja und Janusz Hradetzky weiden auf Naturschutzflächen des Nationalparkvereins Unteres Odertal bei Lunow-Stolzenhagen.
Das Wesen der Kuh achten. 24/7 – das ganze Jahr über, durch alle Gezeiten und in allen Bereichen.

Interview mit Anja Hradetzky, Demeter-Ökobäuerin, Aktivistin und Buchautorin

Anja, ihr habt mittlerweile zwei Kinder. Du bist politisch viel unterwegs und engagierst Dich in diversen Netzwerken und für die naturverträgliche Weiterentwicklung eurer Region. Dazu die Arbeit auf dem Hof und der Direktvermarktung. Wann hast Du denn bitte noch die Zeit gefunden, ein Buch zu schreiben?
(lacht) Ganz ehrlich? Fast nur nachts. Da unser jüngster Familienzuwachs anfangs ohnehin nachts viel wach war, habe ich mir diese Not zunutze gemacht. Außerdem hatte ich mit Hans von der Hagen einen tollen Co-Autor, der mich echt verstanden hat und so tief in mein Leben eingetaucht ist, dass es toll gekappt hat mit dem gemeinsamen Schreiben. Eine irre Erfahrung.

Wie kam es denn zu dem Buch?
Der DuMont Verlag hat sich gemeldet, nachdem ein Artikel in der Süddeutschen über mich erschienen war, der die Überschrift trug: Vom Aldi-Kind zur Ökobäuerin (Süddeutsche Zeitung, 27. Juli 2016). Die haben vermutet, dass da noch mehr Geschichten drin sind.

Sie hatten recht! Das Buch liest sich so spannend, es ist es ein „page-turner“. Ich habe es in einem Schwung durchgelesen und kann es jedem als Inspiration nur empfehlen. Wie ist es für Dich, jetzt mit diesem 340-Seiten starken Werk auf Lesetour zu sein?
Es ist schön, auf Podien und Tagungen, auf denen ich sonst politisch aktiv bin, meine persönliche Geschichte zu erzählen, es erstaunt mich, wie berührt und inspiriert die Menschen sind.Das tut mir gut und gibt viel Kraft. Klar ist es ein Auf und Ab, aber es lohnt sich.

Ihr lebt ein besonders außergewöhnliches Konzept mit euren Stolzen Kühen. Wie seid ihr momentan denn aufgestellt?
Wir schlachten aktuell alle zwei Wochen, unser Absatz hat sich verdoppelt. Mehr als 180l /Tag Milch können wir aktuell kaum bewältigen, dafür müsste dringend ein größerer Kessel her. Wir haben weitere Engpässe, auch unsere Abfüllmöglichkeiten und die Lüftung müssen optimiert werden. Doch wie Du Dir denken kannst, müssen wir unsere Investition schrittweise denken. Ein neuer Kessel kostet 30.000 Euro.
Eine Freundin ist zwischenzeitlich eingestiegen, sie ist Käserin und dazu sehr unternehmerisch eingestellt. Eine Mitarbeiterin, die sich komplett selbst organisiert, das ist toll. Wir brauchen mehr von solchen Leuten. Insgesamt haben wir jetzt sechs Angestellte, meist in Teilzeit. Das mit der Teilzeit hat auch den Grund, dass wir so krankheitsbedingte Ausfälle besser kompensieren können.

Den Aufbau eurer Käserei habt ihr über Crowdfunding finanziert…
Ja, das hat zum Glück gut funktioniert, weil wir aus unserer Anfangszeit bereits eine treue Schar von Unterstützern hatten und ein großes Netzwerk engagierter Menschen pflegen. Es ist so toll, unseren eigenen Rohmilchkäse herstellen zu können. Seit uns die Gläserne Molkerei gekündigt hat, da sie künftig keine Kleinstbetriebe und keine Produktionsüberhänge mehr abnehmen, ist das auch zwingend nötig. Wo sollten wir sonst mit der tollen Milch hin? Wir haben eine Super-Qualität, da die Kühe auf der Weide gemolken werden und so viel Platz haben, dass sie sich – im Gegensatz zu engen Ställen – nie in ihren eigenen Mist legen würden. Das Melken auf der Weide mag einigen Leuten suspekt sein, weil es ungewöhnlich ist, wir sehen darin jedoch viele Vorteile für die Tiere, sie können wesensgemäß in ihrer Herde leben, und das wirkt sich auch auf die Qualität der Milch aus.

Das was wir produzieren, geht wirklich gut weg. Wir verkaufen viel Rohmilch-Quark und Joghurt, auch unser Frischkäse hat nach 3 Wochen einen spannenden Punkt erreicht zwischen Mild und charakteristisch würzig. Vom gereiften Hartkäse könnten wir eher noch mehr verkaufen als wir haben. Der braucht einfach 1,5 Jahre… Für diesen momentanen Engpass habe ich den Käse vom Klostergut Heiningen dazu genommen, das ist bei Braunschweig. Die beiden gerade einsteigenden Junglandwirte, Frieda und Theo Degener, sind in unserem Alter. Sie bewirtschaften auch nach Demeter-Richtlinien, halten Bullen und Ammen und betreiben eine Demeter-.Das passt so gut. Von dem Austausch untereinander profitieren wir beide.

Wie habt ihr euch kennengelernt, Du und Frieda?
Das war, als wir beide schwanger waren. Wir konnten ja weniger machen, nicht mehr alleine melken, nicht schwer heben oder ähnliches, und haben in der Zeit beide Kälber gezähmt.
Und heute? Wie läuft es denn jetzt mit der Direktvermarktung eures Käses und eures Fleisches?
Wir haben unseren Hofladen 1x pro Woche für zwei Stunden geöffnet. Damit sind die Leute hier aus dem Ort und der umliegenden Nachbarschaft versorgt.
Der Rest unserer Produkte geht nach Berlin, wir beliefern derzeit 10 Marktschwärmereien in Berlin, davon allein zwei in Kreuzberg, mit Joghurt, Quark, Eiern und Fleisch. Hier gehts zu den Marktschwärmern (link)
Für die Voll-Versorger hatten wir mit der SoLaWi angefangen, das hat aber nicht funktioniert, also wir haben es wieder gestoppt. Jetzt setzen wir auf Sammelbesteller – so ist steht der Ertrag im Verhältnis zum Aufwand mit Verpackung und Auslieferung. Wir können einfach nicht alle Rinder-Wiener einzeln verteilen.

Im kleinen Hofladen in Lunow-Stolzenhagen versorgen sich Anwohner aus dem Dorf und Nachbargemeinden. Auch online kann man die Produkte bestellen – oder über ausgewählte Marktschwärmer-Verkaufspunkte in Berlin.

Die Marktschwärmereien sind eine tolle Ergänzung für Direktvermarkter. Das klingt sehr gut – und praktikabel. Wer gehört noch zu euren Kunden?
Toll finde ich, dass auch einige Bürogemeinschaften in Berlin bei uns bestellen. Die bestellen zusammen zu sich auf die Arbeit und verteilen die Lebensmittel vor Ort. Das dürfte gern noch weiter Schule machen.

Euer Leben ist voller Herausforderungen, ihr seid zwar erfolgreich in dem, was ihr tut und wie ihr es tut, steht aber immer noch ziemlich am Anfang. Was macht Dir am meisten Freude?
Vermarktung ist mein Ding, das macht mir schon Spaß, aber ich will und brauche das ganzheitliche Konzept. Daher finde ich es auch so toll, dass wir die Hühner-Mobilstall dazu genommen haben und zusätzlich zu unserem Milchprodukten und dem Fleisch auch Demeter-Eier vermarkten können. Unsere Hühner sind eine Zweinutzungsrasse, das heißt, sie legen weniger Eier und auch ihr Fleisch können wir vermarkten.
Da für uns im Zentrum unseres Umgangs mit den Tieren steht, „das Wesen der Kuh zu achten“, gebe ich mein Wissen in Los Stress Stockmanship sehr gern in Seminaren weiter und tausche mich mit Kolleg*innen über alternative Haltungsformen aus. Kennengelernt habe ich diese Methode in meiner Zeit in Kanada bei meiner damaligen Gastgeberin und Mentorin Kelly. Sie lehrte mich, eine Herde allein mit Körpersprache und ruhiger Bestimmtheit zu lenken. Auf der Nachbar-Ranch kämpften sich damals 5 schreiende, staub aufwirbelnde Cowboys an ihrer Herde ab. Der Unterschied war eklatant, ich wollte es fortan so machen wie Kelly.

Wo geht es für euch hin, in welche Richtung möchtet ihr euch weiter entwickeln?
Wir sind an einem spannenden Punkt für die weitere Entwicklung. Die Fleischvermarktung funktioniert super, der Schnittkäse ist – im Rahmen natürlicher handwerklicher Abweichungen von Charge zu Charge – stabil.
Der Joghurt ist eine tolle Bereicherung und lohnt sich echt für uns. Das wir aus unserer Rohmilch so leckeren Frischkäse und Quark machen können, ist großartig. Gleichzeitig möchten wir in Zukunft auch unsere Rohmilch vermarkten, und das funktioniert nur über eine Vorzugsmilch-Zulassung. Das ist definitiv ein Ziel. Derzeit suchen wir eigene Hofstelle in der Uckermark, haben zwei Ställe und eine Halle in Aussicht. Drückt uns die Daumen.

Vielen Dank für das Gespräch und euch weiterhin alles, alles Gute für euch!

Aufzeichnung des Gesprächs: Kirsten Kohlhaw (die auch die Fragen stellte)
alle Fotos (c) Ökohof Stolze Kuh

Kontakt zu den Stolzen Kühen

Landwirtschaftsbetrieb Janusz Hradetzky
Weinbergstr. 6a, 16248 Lunow-Stolzenhagen
https://stolzekuh.wordpress.com
https://www.facebook.com/stolzekuh/
Telefon: 033365 / 71 987 (Wenn Anja und Janusz gerade bei den Kühnen sind, gerne auf den Anrufbeantworter sprechen!)
1x pro Quartal gibt es einen Infobrief. Hier kann man sich eintragen.

Weitere Lese-Termine:
6.4.2019 Baumhaus Berlin, mit Käse-Workshop. Mehr zum Event auf Facebook (link)
10.4. Meiningen – Ort und Uhrzeit folgt
8.5. Dresden – Ort und Uhrzeit folgt
11.5. Stolpe, 15h, Fuchs und Hase.

Vorzugsmilch vom Weidenhof erhält Auszeichnung der LAND & GENUSS Trophy 2019

PRESSEMELDUNG, Berlin/Dohren 20.2.2019 | Eine fachkundige Jury aus prominenten Vertretern Frankfurts (Gastronomie, Handel und Medien) hat im Februar regionale Produkte verkostet und die Sieger gewählt. Die Vorzugsmilch des Weidenhofs in Wächtersbach zählt zu den Siegern und wird auf der diesjährigen Messe besonders geehrt.

Die öffentliche Preisverleihung mit Überreichung der Urkunde findet am Freitag, 22. Februar 2019 um 13:30 Uhr im Rahmen der LAND & GENUSS auf dem Messegelände in Frankfurt statt. Der DLG- Hauptgeschäftsführer, Dr. Grandke, wird die Ehrung vornehmen. Claudia Müller vom Weidenhof in Wächtersbach wird die Urkunde vor Ort entgegen nehmen. (Update vom 22.2.2019, 14:00h | Fotos von der Übergabe der Urkunde finden sich am Ende des Beitrags)

Messebesucher haben die Gelegenheit, alle ausgezeichneten Produkte am Trophy-Stand zu verkosten. Hier können sich Messebesucher über die Siegerprodukte und Hersteller informieren, von denen viele mit eigenen Ständen vertreten sind. Natürlich präsentiert der Weidenhof neben seiner ausgezeichneten Vorzugsmilch weitere Milchprodukte aus seinem Sortiment. Alle Erzeugnisse werden handwerklich in der eigenen Hofmolkerei produziert und verpackt und von den Betreibern direkt regional vermarktet. Der Weidenhof im Main-Kinzig-Tal betreibt seit 23 Jahren die Direktvermarktung seiner Milch und Milchprodukte.

Als Landmarkt-Betrieb kooperiert der Weidenhof mit dem regionalen Lebensmitteleinzelhandel. Der Weidenhof hat heute fast 40 Mitarbeiter, beliefert regelmäßig über 550 Haushalte, betreibt seit 2007 einen eigenen Hofladen. Neben Fleisch und Milchprodukten der eigenen Tiere werden hier auch regionale Produkte ausgewählter Partnerbetriebe verkauft.
Vorzugsmilch ist die Verkehrsbezeichnung für naturbelassene Milch, die nach dem Melken lediglich gefiltert, gekühlt und abgefüllt wird. Nur Betriebe mit einer speziellen Zulassung dürfen Rohmilch als Vorzugsmilch in den Handel bringen. Der Weidenhof ist der einzige Vorzugsmilchbetrieb im Bundesland Hessen.

Kontakt: BMV e.V. | Bundesverband der Milchdirektvermarkter und Vorzugsmilchproduzenten. Up’n Saal 7, 21255 Dohren |presse@milch-und-mehr.de, www.milch-und-mehr.de
Geschäftsstelle: Antje Hassenpflug, GF, 04182. 291 80 01.

Die Land und Genuss ist die Erlebnismesse der DLG. Sie findet jährlich im Februar in Frankfurt statt. Für alle Fragen rund um Land und Genuss-Trophy: trophy@landundgenuss.de
https://www.landundgenuss.de/land-und-genuss-trophy/
——————-
BMV_PM_Weidenhof-Trophy_LuG_20022019
Ein ausführliches Hofporträt über den Weidenhof finden Sie hier.

UPDATE | Bilder von der Prämierung am 22.2.2019 zur freien Verwendung.

Sensorik Plakate für Milchverkostung

Plakate für sensorische Verkostung von Milch und Milchprodukten (hier:Joghurt) zum kostenlosen Download finden Sie am Ende dieses Beitrags. Sollten Sie für Ihre Arbeit eine größere Auflösung wünschen, wenden Sie sich bitte an presse(at)milch-und-mehr.de . Gern unterstützen wir Sie in Ihrem Vorhaben und senden Ihnen auf Anfrage die entsprechenden Dateien zu.

Die moderierte Verköstigung von Milch und Milchprodukten nimmt in der Arbeit des BMV eine wichtige Rolle ein. Seit Jahren führt die bundesweit agierende Interessenvertretung direktvermarkternder Milchbauern Erlebnisverkostungen durch. Eine zentrale Rolle spielen bei diesen Verkostungs Veranstaltungen natürlich die Mitgliederbetriebe des BMV. Ihre tägliche Arbeit und ihre Produkte bilden die Basis jedes Austauschs über die Relevanz von regionaler Vielfalt, Qualität und Verbrauchersouveränität.

Dort, wo noch Vorzugsmilchbetriebe aktiv sind, steht auch immer das Thema Erhalt von hochwertigen Frischeprodukten wie Vorzugsmilch im Fokus. Denn nur die zertifizierte Rohmilch liefert das Optimum an Verbrauchersicherheit und ernährungsphysiologischer Fülle. Denn die Vorzüge der Rohmilch gehen bei jeder Erhitzung verloren, und sei sie noch so schonend. Partner wie niederländische Milchwissenschaftler Prof. Dr. Ton Baars haben diese Zusammenhänge auf der Website Milk&Health dargelegt.

Gemeinsam mit Partnern wie Slow Food Deutschland e.V. und Geschmackstage e.V. arbeitet der BMV kontinuierlich daran, Themen wie Wertschätzung für natürlich, handwerklich und traditionell hergestellte Lebensmittel und deren regionale Wertschöpfung zu verbreiten. Geschmacksbildung ist Geschmacksprägung und umgekehrt. Was wir essen, bestimmt unsere geschmackliche Palette. Und nur was wir bewusst probieren, können wir (wieder) entdecken.

Wir laden Sie ein zum bewussten Hinschmecken. Unterstützen auch Sie die Landwirte in Ihrer Region.

Vorzugsmilch in den Medien, der Milchhof Lerf im BR

Die Familie Lerf sind die letzten Vorzugsmilchproduzenten in Bayern.
Der aktuelle 6-minütige TV-Beitrag, zu dem wir hier verlinken, ist noch bis zum 29.12.2022 in der Mediathek einsehbar. https://www.br.de/mediathek/video/vorzugsmilch-und-heumilch-naturbelassene-milchprodukte-av:5a463c95e398ec0018de2713

Wir freuen uns, dass die passionierten Landwirte dieses hochwertige Nischenprodukt einsetzen und dass die naturbelassene Milch bei den Verbrauchern so beliebt ist. Die Nachfrage im Allgau und Raum München wird über den Regionalhändler Feneberg verteilt.

Über die Vorzugsmilchproduzenten haben wir auf milch-und-mehr.de bereits einen Bericht zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit Slow Food Deutschland über den Bauernhof-Effekt verfasst, in 2017 wurden sie zudem für ihre Bio-Vorzugsmilch in Heumilchqualität auf der IGW ausgezeichnet.

Hofporträt: Bio-Ziegenhof Stähr in Eggolsheim bei Bamberg

Der Bio-Ziegenhof der Familie Stähr liegt im Gemeindebereich des idyllischen Marktes Eggolsheim, am Eingang zur Fränkischen Schweiz. Hier bewirtschaften die Direktvermarkter als Bioland-Hof 25 ha Grünland und 60 ha Ackerland. Nach vielen Jahren mit Milchkühen, haben sich direktvermarktenden Landwirte 2007 ganz auf die Haltung von Ziegen konzentriert und 2009 auf den Biolandbau umgestellt. Im Sommer laufen die 150 Ziegen auf der Weide und fressen frisches Gras, Klee und Kräuter. Im Winter fühlen sie sich im lichten Laufstall wohler und bekommen sonnengetrocknetes Heu und Bio-Getreideschrot. Seit 2013 halten die Bio-Bauern zudem Legehennen, 3.000 Tiere an der Zahl legen Bio-Eier für den hauseigenen Lieferservice und den Handel, allein 30 Kisten Eier (5.000-6.000 Eier) pro Woche an REWE.

Gespräch mit Roland Stähr vom Bio-Ziegenhof Stähr

Seit wann ist der Ziegenmilchhof eure Heimat? Wie wirtschaftet ihr und wie groß ist eure Herde?
Anfangs war der Familienbetrieb mitten in der Ortschaft. 1974 ist der Stall abgebrannt, heute ist er ein Aussiedlerhof – die Stallungen sind 300-400m außerhalb. Ich habe den Betrieb 1994 übernommen.

Als Bio-Ziegenhof seid ihr unter den Direktvermarktern im BMV ein echter Exot. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Wir haben 1999 mit der eigenen Hofmolkerei angefangen. Damals hatten wir noch eigene Kühe, keine Ziegen. 2004 mussten wir krankheitsbedingt den gesamten Bestand durchwechseln. Trotz dieser Maßnahme war die Geschichte nicht dauerhaft in den Griff zu kriegen. Zwei Jahre später haben wir schließlich die Entscheidung getroffen, die Kühe abgegeben und mit Ziegen anzufangen.


Warum gerade Ziegen?
Ziegenhaltung und Ziegenprodukte wurden zu jener Zeit immer populärer. Unser Sohn war schon immer ein Fan von Ziegen und war damals gleich bereit, diesen Wechsel mit uns zu vollziehen.
Ich hatte 1989 meine Meisterarbeit geschrieben über die Umplanung auf Ziege. Ziegen sind nicht nur faszinierende Tiere, sie sind auch deutlich pflegeleichter als Kühe: Nicht so anfällig für Klauen- und Euterprobleme, auch in Bezug auf die Ställe. Man braucht keine Liegeboxen, streut die komplette Lauffläche mit Stroh ein und kommt mit 1,5 qm pro Ziege aus. Bei Kühen braucht man 2-3 qm pro Kuh, auch die Melkstände sind anders. Wir haben einen Side by Side Melkstand, an dem 18 Tiere gleichzeitig gemolken werden.
Die europäische Ziege ist saisonal fruchtbar, von Ende Juni bis Ende Januar.
Eine Kuh muss 1x pro Jahr abkalben, sonst gibt sie irgendwann keine Milch mehr. Nach dem 2. Mal ablammen kann man die Ziege eigentlich 2-3 Jahre durchmelken. Die 20 besten Ziegen nehmen wir also raus aus der Herde, diese werden gedeckt, der Rest wird komplett durchgemolken.
Aber es ist und bleibt so, Ziegenhaltung und professionelle Vermarktung von Ziegenmilchprodukten ist in der Direktvermarktung nach wie vor eine Nische!

Wie ging das dann konkret los mit euch und der Ziegenmilch?
Angefangen haben wir 2007 mit 40 Ziegen und 120-150 Liter pro Tag. Zu Beginn waren wir noch konventionell, die Milch, die wir nicht als Frischmilch brauchten, wurde extern zu Schnittkäse verkäst. Heute machen wir nur noch Frischkäse, diesen stellen wir in unserer Hofmolkerei selbst her. 2009 erfolgte dann die Umstellung auf Bio-Ziegenkäserei. Seit 1. April 2016 ist auch die in der Molkerei verarbeitete Kuhmilch bio-zertifiziert.

Habt ihr auch einen eigenen Hofladen, über den ihr ein typisches Direktvermarkter-Sortiment eurer Region bei euch abbildet, schließlich habt ihr auch Bio-Öle, Brotaufstriche, Gockelfleisch und andere saisonale Produkte?
Unser Hof liegt etwas ab vom Schuss, im Umland von Bamberg, daher macht ein eigener Lieferservice mehr Sinn als ein eigener Hofladen.

Wie funktioniert bei euch die Arbeit als Familienbetrieb? Wie teilt ihr euch auf?
Max (24) macht Molkerei, Felix (23) macht Landwirtschaft, Ziegen und Hühner, Roland macht alles und die Frau macht Produktion, Büro und Haushalt.
Unsere 3 Fahrer beliefern derzeit auf 9 Touren gemeinsam mit unseren Söhnen Felix und Maximilian 750-800 Privatkunden. Seit Dezember 2016 haben wir zudem eine Bürokraft, die uns 5 Stunden pro Woche bei der Abwicklung der Bestellungen unterstürzt.

Was ist euer absolutes Premium-Produkt? Worauf legt ihr besonderen Wert?
Ganz klar: Auf die Qualität. Wir haben Ziegenmilch in Bioqualität als Heumilch und zwar schon lange. Damit kommen wir gleich nach den Marktführern Andechser (Deutschland) und Leeb (Österreicher).
Unsere Bio-Ziegenheumilch und der Bio-Ziegenheumilch-Joghurt sind wirklich etwas ganz Besonderes. Heumilch ist die ursprünglichste Milch, so naturnah und traditionell wie keine andere. Sie liefert einzigartige Qualität und besten Geschmack. Bio-Ziegenheumilch ist reich an Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen und vor allem für Allergiker besser verträglich als Kuhmilch.

Ihr seid Direktvermarkter. Heißt das, ihr verarbeitet die komplette Menge selber?
Die Kuhmilch wird komplett zugekauft und zu pasteurisierter Trinkmilch, Quark und Joghurt weiterverarbeitet (160.000 Kilo pro Jahr). Die eigene Ziegenmilch vermarkten wir komplett selbst. Selbst hier müssen wir in den Wintermonaten aufgrund der saisonalen Schwankungen in der natürlichen Milchleistung der Ziegen zukaufen. Es ist wichtig, den Kunden und dem Handel gegenüber verlässlich stabile Mengen zu liefern. Das hat unter anderem mit Gewöhnungseffekten und Planungssicherheit zu tun.

Welchen Weg, welche Zukunft seht ihr für die regionale Landwirtschaft, wie schätzt ihr die Überlebensfähigkeit von handwerklichen Nischen ein in einer Zeit, die immer stärker auf Industrialisierung und globalisierten Handel ausgerichtet scheint?
Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Der Handel ruft nach regionalen Produkten, ob das Edeka oder REWE ist, die Kunden wollen anscheinend nach den Studien sowieso alle regionale Produkte. Aber wenn die Käufer in den Laden reingehen, kaufen sie nicht unbedingt regional, sondern das, was in der Angebots-Werbung drin ist.

Der kleine Produzent und Vermarkter kann sich die Beilagen-Werbung nicht leisten – und fällt bei solchem Kaufverhalten schlicht hinten runter. Es muss uns Direktvermarktern gelingen, dass die Marke sich ins Verbraucherbewusstsein einbrennt. Dass unser Produkt geschmacklich und von der Qualität her richtig und dauerhaft überzeugt. Eigentlich müssten wir in den betreffenden Filialen jeden Monat eine Aktion machen. Wichtig ist auch, dass die Mitarbeiter des Marktes dahinter stehen und die Waren ansprechend präsentieren und die Kunden auf das Angebot hinweisen.

Politik und Handel haben kein Interesse dran, die bäuerliche Landwirtschaft zu fördern. Vor 40 Jahren ging das noch, die Betriebe werden größer, müssen größer werden. Und trotzdem machen wir weiter.

Herzlichen Dank, Roland, auch an Deine Frau Bettina, für das Gespräch, euch weiterhin viel Erfolg und alles Gute!
(Die Fragen stellte Kirsten Kohlhaw)

Service | Kontakt

Die Familie Stähr vermarktet Bio-Produkte von Ziegen, Kühen und Hühnereier. Mehr Informationen zum Hof und zum Lieferservice auf ihrer Website. Da kann man sich sowohl de Tourenpläne als auch Bestellformulare downloaden.

Biohof Stähr
info (at) milch-ziegenhof-staehr.de
Bruckweg 1, 91330 Eggolsheim

Das Motto der engagierten Direktvermarkter-Familie Vom Bauernhof direkt – weil’s besser schmeckt. Wir liefern Ihnen das vielfältige BIO-Sortiment unserer Hofmolkerei und frische Bio-Eier direkt ins Haus.

Handbuch zur Regionalvermarktung: neuer Praxisleitfaden unterstützt Regionalinitiativen

Pressemitteilung
Handbuch zur Regionalvermarktung: neuer Praxisleitfaden unterstützt Regionalinitiativen

Welche Strategien und Konzepte zur Vermarktung regionaler Lebensmittel gibt es? Diese und weitere Fragen beantwortet das Handbuch zur Regionalvermarktung, das der Bundesverband der Regionalbewegung entwickelt hat.

Der Bundesverband der Regionalbewegung möchte Regionalinitiativen unabhängig von ihrem Erfahrungsstand, ihrer Größe oder ihres Sortiments unterstützen und professionalisieren. Einen wichtigen Schritt stellt hier das Handbuch zur Regionalvermarktung dar: Auf insgesamt 86 Seiten zeigt der Praxisleitfaden für Regionalinitiativen Strategien und Konzepte zur Vermarktung regionaler Lebensmittel. Behandelt werden die Bereiche Qualitäts- und Herkunftssicherung, Vertrieb und Logistik, Marketing und Kommunikation sowie Struktur und Finanzierung.

Die Regionalvermarktung ist ein komplexes Thema. In der Praxis sind verschiedene Konstrukte zur Umsetzung vorzufinden. Auf Grund dieser Vielzahl ist die Vorgabe eines exakten Lösungswegs nicht möglich. Daher gibt das Handbuch Hilfen und Erfahrungswerte für die Vorbereitung der eigenen Entscheidungen. Gleichwohl soll der Leitfaden konkrete Unterstützung bieten und das Arbeitsfeld der Regionalvermarktung in seiner ganzen Breite beleuchten. Um dies zu erreichen, wurde in diesem Handbuch vermehrt mit Fragen als mit Antworten gearbeitet. Ferner werden Alternativen und Folgen von Entscheidungen aufgezeigt. Es werden jedoch durchaus Erfahrungswerte genannt und damit Empfehlungen ausgesprochen. Zahlreiche praktische Beispiele zeigen Wege, die Regionalinitiativen aktuell gehen. Diese Beispiele dienen als Entscheidungshilfen für das eigene Handeln oder dafür die Lösung von Problemen abzuleiten.

Das Handbuch ist im Projekt „Initiativen-Coaching“ mit Unterstützung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft entstanden.
Das Handbuch zur Regionalvermarktung kann unter folgendem Link bestellt werden: www.regionalbewegung.de/projekte/initiativen-coaching

Pressekontakt
Ilonka Sindel, Jana Betz
Bundesverband der Regionalbewegung e.V.
Hindenburgstraße 11
91555 Feuchtwangen
T: 09852 1381
E: info@regionalbewegung.de
www.regionalbewegung.de

Die Milch macht den Kaffee, nicht nur das Schäumchen

Großes Erstaunen unter den 20 Teilnehmern der Querverkostung auf dem Milchhof Reitbrook. Ein und dieselbe Kaffeebohne schmeckt mit verschiedenen Trinkmilcharten tatsächlich völlig unterschiedlich! Unter der Überschrift „Schwarz und Weiß – Milch ist mehr als nur das Schäumchen auf dem Cappuccino“ traten auf Einladung von Slow Food und dem BMV 5 Milchen gegeneinander an. Die Arrabica Espresso-Bohne hatte Klaus Lange mitgebracht, selbst geröstet, frisch aus dem Caféhaus in Hamburg.

Jan-Hendrik Langeloh begrüßte die Gäste und begann den Nachmittag mit einer Hofführung, in der er die Arbeitsweise des direktvermarktenden Vorzugsmilchbetriebs erläuterte. Die Langelohs fahren seit Beginn an eine besondere Strategie: Ca. 50% der gewonnenen Milch verarbeiten sie direkt in der eigenen Hofmolkerei, beliefern gut 1.000 Haushalte und Gastronomen in der Metropolregion Hamburgs, die andere Hälfte liefern sie an eine Molkerei. Das sei schon von Beginn an so gewesen, erklärte Jan-Hendriks Vater Gerd Langeloh, der mit seiner Frau Ingrid die Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung ebenfalls tatkräftig unterstützte.

Milchhof Reitbrook, Hofführung in der Dämmerung
Milchhof Reitbrook, Hofführung in der Dämmerung
Jan-Hendrik Langeloh erzählt den Anwesenden über modernes Herdenmanagement auf einem vergleichsweise großen Vorzugsmilchbetrieb
Jan-Hendrik Langeloh erzählt den Anwesenden über modernes Herdenmanagement auf einem vergleichsweise großen Vorzugsmilchbetrieb

Nach der Hofführung begrüßte Slow Food-Vorsitzende Dr. Ursula Hudson noch einmal alle Anwesenden und führte aus Sicht der engagierten Verbraucherorganisation in das Thema Milchvielfalt ein. Einmal mehr lud sie zum bewussten Hinschmecken ein und machte sich stark für echte Vielfalt und echte Frische. Seit dem Start der Slow Food Rohmilch-Initiative 2013 habe sie persönlich ebenfalls noch einmal so viel Neues, Faszinierendes über das Ur-Lebensmittel Milch gelernt und so viel Erschreckendes darüber, was ihm im Zuge der industriellen Weiterverarbeitung angetan werde.

Die Pseudo-Vielfalt der geradezu einschüchternden Regalmeter von Trinkmilchvarianten in Discounter Supermärkten sei ein optisch starkes Beispiel für dieses Phänomen, merkwürdige Wortschöpfungen und zweifelhafte Packungsdesigns, die natürliche Frische, glückliche Tiere und Landwirte suggerieren an Stellen, an denen tatsächlich jegliche Transparenz fehle, seien weitere Warnsignale für den fortschreitenden Grad an Entfremdung und Verwirrung in Bezug auf die Herkunft und Qualität unserer Nahrung.

Die anschließende Verkostung und Diskussion über das gemeinsame Geschmackserleben nahm den Hauptteil der Veranstaltung ein, der auch Mitglieder des Hamburger Slow Food Conviviums unter der Leitung von Sebastian Wenzel gefolgt waren. Die Moderation übernahm Kirsten Kohlhaw, die als freie Journalistin Wissenswertes zum Thema Milch und Sensorik beizutragen hatte und als Befürworterin naturbelassener Lebensmittel auch den Bundesverband der Milchdirektvermarkter und Vorzugsmilcherzeuger in seinem Bestreben unterstützt, die Vorzugsmilch vor ihrem Verschwinden zu bewahren.

dsc_0031
Probieren und sich austauschen. Hier berichtet Moderatorin Kirsten Kohlhaw gerade über das Herstellungsverfahren der Mikrofiltration bei ESL-Milch und das strenge Verbrauchsdatum bei echt frischer Milch, der gänzlich naturbelassenen Vorzugsmilch, das der Gesetzgeber auf 96 Stunden ab Melken festgelegt hat.

Beim ersten Paar „Im Café“ traten die pasteurisierte Landmilch vom Milchhof Reitbrook gegen eine fettreduzierte H-Milch an. Dies sei, bekräftigte Konditor und Kaffee-Fachmann Klaus Lange, die Standard-Milch in vielen Cafés, vor allem in Franchise-Ketten.  Schon hier waren für die Anwesenden deutliche Unterschiede auszumachen, erlebten die Anwesenden die Landmilch als deutlich strukturierter, komplexer und runder im Vergleich zur 1,5% H-Milch.

Das zweite Paar, das sich unter dem Titel „Echt frisch vs. länger haltbar“ aufmachte, die Geschmackspapillen der Verkostenden zu überraschen, fiel geschmacklich frappierend auseinander. Hier trat die Vorzugsmilch des Hamburger Milchhofs gegen eine ESL-Milch an. Wenn man bedenkt, dass die „Extended Shelf Life“-Milch auch unter der Prämisse designt wurde, geschmacklich näher an echt frische Trinkmilch ranzureichen, war das Urteil der Verkostung für die industriell verarbeitete Milch mit dem langen Regalleben vernichtend.

Das dritte Paar „Von der Kuh – aber anders“ hinterließ die Anwesenden ratlos bis ablehnend. Zu unterscheiden waren sie leicht voneinander, die 0,1% entrahmte Milch und die laktosefreie H-Milch. Die schöne Bohne, mit der die Milch im Cappuccino eine neue Verbindung eingehen sollte, haben sie laut Aussage der Runde beide ruiniert.

 

dsc_0033dsc_0041

Klaus Lange vom Caféhaus in Hamburg machte Kaffees am laufenden Band. Und berichtete nebenbei noch von seinen Erfahrungen im Umgang mit Milch und Kaffee.

Wie gut, dass das abschließende „Spitzenduo“ die Teilnehmenden wieder vollends versöhnte. Der Unterschied zwischen der Vorzugsmilch und der pasteurisierten Landmilch war schon deutlich zarter, doch entschied sich die Runde fast einheillig für die richtige Zuordnung der beiden Kandidaten. Nach so viel Kaffeegenuss wurden die Gespräche bei Butterkuchen, Hefezopf und herzhaftem Snack noch bis in den Abend fortgesetzt.

vlnr: Kirsten Kohlhaw (Moderation für den BMV); Jan-Hendrik Langeloh (Leitung Milchhof Reitbrook; Dr. Ursula Hudson (Vorsitzende Slow Food Deutschland), Andrea Lenkert-Hörrmann (Projektbeauftragte Slow Food Deutschland); Klaus Lange (Das Caféhaus Hamburg); Sebastian Wenzel (Slow Food Convivium Hamburg)
vlnr: Kirsten Kohlhaw (Moderation für den BMV); Jan-Hendrik Langeloh (Leitung Milchhof Reitbrook; Dr. Ursula Hudson (Vorsitzende Slow Food Deutschland), Andrea Lenkert-Hörrmann (Projektbeauftragte Slow Food Deutschland); Klaus Lange (Das Caféhaus Hamburg); Sebastian Wenzel (Slow Food Convivium Hamburg)

Fazit: Die spürbaren Auswirkungen, die die Milchqualität und Verarbeitungsstufen auf den Geschmack des jeweiligen Cappuccinos hatte, war für alle Anwesenden ein Aha-Erlebnis. Unser Dank gilt der ganzen Familie Langeloh sowie Klaus Lange für ihr Engagement, Slow Food Deutschland für seinen kontinuierlichen Einsatz für Verbrauchersouveränität und eine Sensibilisierung für gute, saubere und faire Lebensmittel, die Hirn und Magen anregen und den Besuchern für ihr Interesse.